Wiki und die starken Männer

Plattformen wie Wikileaks, Cryptome und Ohmynews heizen den Mächtigen ein und stärken die Demokratie

 

Die Onlineplattform Wikileaks machte diese Woche Schlagzeilen, weil sie geheime US-Dokumente zum Afghanistankrieg ins Internet stellte und zuvor ein paar ausgewählte Medien einen Blick darauf werfen liess. Doch die 2006 von Julian Assange gegründete Organisation ist nicht die einzige, die sich der Veröffentlichung unterdrückter Information verschrieben hat und dabei die Hilfe von Internetnutzern in Anspruch nimmt.

Dass geheime Informationen von Whistleblowern den Medien zugesteckt werden, ist nicht neu. Neu aber ist, dass Plattformen wie Wikileaks die Wirkung vervielfachen. Im Internetzeitalter sind es nicht mehr die etablierten Medien, die mit «investigativem Journalismus» einen Primeur landen. Es sind die unzähligen anonymen Informanten im Netz, die mit ihren Beiträgen die Grenze zum Geheimen bestimmen. «Es formiert sich derzeit über internetbasierte Dienste eine fünfte Gewalt, welche auch die vierte, die Massenmedien, kontrolliert», sagt Michael Latzer, Professor für Medienwandel & Innovation an der Universität Zürich.

Dazu gehört auch die weniger bekannte Whistleblower-Website Cryptome von John Young. Auf seinem Webserver in den USA veröffentlicht er wie Wikileaks Dokumente und Fotos, die mehrere Regierungen der Welt geheim halten wollen. Schlagzeilen machte die spektakulärste Bekanntmachung der «MI6 Files», einer Namensliste von Agenten des britischen Geheimdienstes MI6. Im Februar dieses Jahres wurde Cryptome kurz offline gesetzt, weil sie ein geheimes Handbuch der Firma Microsoft veröffentlichte. Darin erläutert Microsoft den Strafverfolgungsbehörden, welche Möglichkeiten sie bieten, wenn es darum geht, an Nutzerdaten zu kommen.

Das Internet mit seinen neuen Publikationsmöglichkeiten verlieh auch den Grassroot-Portalen wie Indymedia neuen Schub. Berühmtestes Beispiel einer einflussreichen «Bürgerzeitung» ist die vor zehn Jahren von Oh Yeon-ho gegründete Internetzeitung «Ohmynews» in Südkorea. Sie wird von 41 000 registrierten Bürgerreportern verfasst. Pro Tag prüfen und veröffentlichen 60 Angestellte rund 200 Beiträge; die Redaktoren selbst liefern ein Drittel des Inhalts. Die Website soll täglich über 15 Millionen Hits zählen. «Ohmynews» bestimmt regelmässig die Agenda der etablierten Medien und mobilisierte 2002 über Internet massenhaft junge Stimmen für die Wahl von Roh Moo-hyun zum südkoreanischen Präsidenten.

Auch bei Naturkatastrophen und in Krisensituationen, wenn es an Informationen mangelt, spielt das Internet eine immer wichtigere Rolle. So machte während des Erdbebens in Haiti die Plattform Ushahidi von sich reden (SonntagsZeitung vom 11. Juli 2010). Jeder kann Informationen zur Lage vor Ort per SMS oder via E-Mail schicken. Ushahidi sammelt die Infos und visualisiert sie auf einer Onlinekarte.

Der Verteilung von Informationen auf der ganzen Welt hat sich auch das Projekt Global Voices Online verschrieben. Das internationale Netzwerk von 300 Bloggern und Bürgerjournalisten übersetzt Blogs in 15 Sprachen. Der Schwerpunkt liegt auf Stimmen, die nicht aus dem Westen stammen und gewöhnlich nicht gehört werden. Ein Team von Regionalredaktoren wählt jeweils Journaleinträge aus und fasst sie in einer anderen Sprache zusammen. Seit 2007 werden auch englische Texte übersetzt.

Möglich wurden alle diese Mitmach-Plattformen durch die digitale Revolution. Auch in Entwicklungsländern sind heute Handys und Internet verbreitet. Zwar hat in Afrika laut der International Telecommunications Union erst jeder Zweite ein Mobiltelefon, während jeder Europäer im Durchschnitt 1,6 Handys besitzt. Aber die Wachstumsraten von verkauften Mobiltelefonen sind in Afrika weltweit die höchsten.

Zudem sind internetbasierte Dienste entstanden wie Twitter, Facebook, Youtube oder Flickr, welche die Demokratisierung der Massenmedien weiter vorantreiben; sie machen es jedermann so einfach wie nie zuvor, Fotos, Videos und Nachrichten zu verbreiten. So spielte etwa Twitter nach den Wahlen im Iran 2009 eine wichtige Rolle. Während die Regierung die Arbeit der ausländischen Korrespondenten behinderte, um Berichte über die Strassenproteste zu verhindern, dokumentierten Oppositionelle mit ihren Handys das rechtswidrige Geschehen. Die iranische Regierung konnte nur noch mit einer drastischen Massnahme reagieren: Der staatliche Internetprovider musste den Stecker ziehen.

Einer, der die Kraft sozialer Netzwerke schon lange vorausgesehen hat, ist Isaac Mao. «Chinas erster Blogger» («The Guardian») erlebt täglich die Zensur der chinesischen Regierung und propagiert seit Jahren seine Theorie des «Sharism»: «Je mehr man teilt, desto mehr bekommt man zurück.» Es geht Mao darum, dass Chinesen möglichst viele Informationen teilen und so soziales Kapital anhäufen sollen. Das geht mittels sozialer Netzwerke, weil diese Dienste schwierig zu überwachen und Infos nicht zu blockieren seien. Mao schildert den aktuellen Fall des bekannten Aktivisten Feng Zhenghu, der den Kurznachrichtendienst Twitter nutzte, um Tausende chinesische Abonnenten zu informieren, dass er von der Regierung am Flughafen festgehalten werde. «Er löste eine Welle um die ganze Welt aus und zwang die Regierung schliesslich dazu, sich bei ihm zu entschuldigen.»

Natürlich können internetbasierte Dienste auch von Regierungen und Unternehmen für ihre Zwecke missbraucht werden. So twitterte etwa auch der iranische Sicherheitsapparat und verbreitete Falschmeldungen; und Nachrichtendienste auf der ganzen Welt werten soziale Netzwerke und Websites wie Ushahidi aus, weil sie einen Fundus an Informationen über Personen bieten. Hilfswerke, die bisher um Distanz zu Regierungen bemüht waren, werden mit ihren Websites plötzlich zu Informationsbeschaffern für Staaten.

Technik sei kein neutrales Werkzeug, sagt Medienwissenschaftler Latzer. «Der Nettoeffekt des Internets bezüglich Demokratisierung ist aber positiv.» Es unterstütze aufgrund seiner dezentralen, schwer kontrollierbaren Struktur im Endeffekt jene, die sich für mehr Demokratie einsetzten.

Wo alle ihren Beitrag leisten können

Onlineplattformen und internetbasierte Dienste, welche die Möglichkeit zur Nachrichtenverbreitung bieten.

→ Wikileaks: Plattform, auf der anonym Dokumente veröffentlicht werden können; www.wikileaks.org.

→ Cryptome: Veröffentlicht geheime Dokumente von Regierungen und Unternehmen; http://cryptome.org.

→ Indymedia (Independent Media Center): Globales Netzwerk von Aktivisten; www.indymedia.org, www.indymedia.ch.

→ Ohmynews: «Bürgerzeitung» in Südkorea; www.ohmynews.com.

→ Ushahidi: Plattform, die Augenzeugenberichte per SMS und E-Mail sammelt und auf einer Karte darstellt; www.ushahidi.com.

→ Global Voices Online: Blogger übersetzen Blogger, www.globalvoicesonline.org.

→ Twitter.com, Facebook.com, Flickr.com, Youtube.com: Soziale Netzwerkportale zur Veröffentlichung von Nachrichten, Videos und Fotos.

Per Twitter übermittelt: Iranische Demonstranten protestieren in Teheran gegen angebliche Wahlmanipulationen im Juni 2009 foto: Getty Images

© SonntagsZeitung; 01.08.2010