"Das iPhone ist ein Parasit"

 Bild: Bruno Schlatter für die SonntagsZeitung

Ich besuchte Professor Rolf Pfeifer, eine Kapazität in der Künstlichen Intelligenz (KI)- Forschung, in seinem Labor an der Universität Zürich. Ich wollte von ihm wissen, was er von SIRI, der sprachgesteuerten persönlichen Assistentin auf Apples neuem iPhone 4GS hält. Ich hatte Glück, den Robotiker in Zürich überhaupt anzutreffen: Denn zwei Drittel seiner Zeit ist er unterwegs, gerade war er aus Japan zurückgekehrt.

In den gegen zehn Räumen des KI-Labors basteln und tüfteln Stundenten an den Robotern von morgen; zwei Drittel der Forschung finanziert die EU. "Unsere wichtigste Erkenntnis ist, dass Intelligenz nicht etwas ist, das sich vor allem im Kopf abspielt, sondern im ganzen Organismus", sagt Pfeifer. Deshalb bauen seine Leute Kreaturen aus Metall, Silikon, Kunststoff mit Gummi-Sehnen und kleinen Motoren als Gelenken, die etwas Spezielles können: Laufen, schwimmen oder graben. "Das Hirn steuert nicht alle unsere Bewegungen. Beim Gehen überlegen wir nicht, wo wir den Fuss hinstellen. Die Bewegung wird weitgehend durch die Bauart des Körpers bestimmt."

Pfeifer wieselt von einem Raum zum andern und bittet die Forscher, mir kurz zu erklären, warum es bei Ihrem Roboterchen genau geht: "Just two minutes, please". Wenn ich und der Fotograf nur noch Bahnhof verstehen, entgeht ihm das nicht, und er sagt schnell: "Das könnte jetzt zu sehr ins Detail führen". 

Rolf Pfeifer ist ein äusserst angenehmer, geduldiger und anregender Gesprächspartner.  Die Gestelle in seinem Büro sind vollgestopft mit Souvenirs,  leeren Bierflaschen und Tassen aus aller Welt, Bücher, DVDs und Schnapsflaschen - alle noch verschlossen. Irgendwo in der Ecke entdecke ich eine zusammgerollte Matratze und ein Kissen - das Notlager für lange Arbeitsnächte.

Lesen Sie das Interview mit Rolf Pfeifer, erschienen in der SonntagsZeitung vom 6. November 2011 (PDF)

Bei weitem nicht alles hatte in der Zeitung Platz, deshalb hier noch ein paar Zugaben:

Sie waren in Japan. War Siri dort ein Thema?

Ich hatte dort ganz anderes zu tun. Ich musste einen Roboter, der einer Amöbe nachgebaut ist, begutachten. Man kann sehr viel lernen von Amöben. Sie können Optimierungsprobleme lösen. Unglaublich, das sind Einzeller.

Auch in den Medien war Siri kein Thema?

Bei den Japanern gibt es zwei Dinge, die sehr positiv bewertet sind: Das eine ist neu. Alles was neu ist, ist schon einmal gut. Und zweitens Technologie. Je mehr Technologie desto besser. Darum würde ich annehmen, dass es ein grosses Thema ist.

Wird sich Siri weiter entwickeln?

Ich könnte mir denken, dass sich die Technologie weiter entwickelt. Wie gesagt: auch wenn man jetzt sagt, das sei noch etwas unbeholfen... wenn da viele Leute ihren Beitrag geben, wird sich die Technologie sukzessive verbessern. Je nachdem wird man sie für gewisse Dinge einsetzen und für gewisse nicht. Ich bin optimistisch, dass das irgendwo Anwendungen finden wird. 

Haben Sie eine Idee, wo das sein könnte?

Zwei drittel meiner zeit bin ich im Flugzeug oder irgendwo, dann könnte ich mir denken, dass en gerät mit verschiedenen Eingabemodalitäten - etwa tasten, berührung und sprache - extrem nützlich sein könnte zum Arbeiten. 

Könnten Sie Siri für Ihre Forschungen verwenden?

Wenn wir  mit unseren Robotern an Ausstellungen gehen, fragen die Leute häufig: Kann er sprechen. Das ist einfach nicht unser Gebiet, aber könnte ich mir vorstellen, ein iPhone in den Roboter einzubauen und dann kann man mit dem Roboter sprechen. Das wäre für den Showeffekt.  Zweitens kann man untersuchen, wie Leute mit Robotern interagieren. Wenn nun ein Roboter spricht, werden die Leute anders mit ihm interageren als wenn er keine Sprache spricht. 

Werden wir Roboter in der Alterspflege einsetzen?

Maschinen werden wir in der Alterspflege auf jeden Fall haben. Dann denken wir immer: das ist ja schrecklich, wenn man sich von einer Maschine pflegen lassen muss. Aber wenn sieein kapuutes Knie haben und zwischen Lift und eine person, die sie rauf trägt, wählen müssen, was nehmen Sie?

Den Lift.

Sehen Sie. Das heisst, Sie ziehen die Maschine dem Menschen vor. Die Maschine erlaubt mir, Dinge zu  machen, die ich ohne nicht könnten ... Das heisst ja nicht, dass man keinen Besuch wünscht, aber dann kann man mit dem Besuch wenigstens das machen, was man machen will und muss nicht die peinlichen Sachen über sich ergehen lassen. Das ist für mich keine Schreckensvorstellung sondern im Gegenteil: Das sind Companions, Maschinen, die einem helfen.